Eric J. Wihler Tragödie der Dummheit
 
Kurzgeschichte
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 
 
Die Originalausgabe erschien 2018 unter gleichem Titel, als Mehrteiler von Eric J. Redford
 
 
 
Dieses Buch ist auch als E-Book erhältlich
 
 
 
 
 
 
 
1.Auflage Taschenbuchausgabe Juni 2019 Copyright der Originalausgabe 2019 by Eric J. Wihler Copyright jeglicher Sprachen unter Verwendung der Umschlaggestaltung von Eric J.  ISBN:  www.ericjwihler.ch
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Idioten
 
Was genau das ganze soll verstehe ich ebenso wenig, wie die Tatsache, umringt zu sein von Idioten. Jeden Morgen stehe ich auf, in der Hoffnung, mich heut nicht der vollständigen Selbstkasteiung hinzugeben.  Die wenigen polierten Fressen der Vorstadtschnösel taumeln mir entgegen, während ich mich voller Abscheu frage, was genau zum Teufel ich hier tue.  Mein Gedanke wird durch ein lautes Schnauben eines 30Jährigen, überheblich fetten, Anzug Trägers unterbrochen.  30 Jahre geschätzt, würde man ihn fragen wie alt er sei, wäre man verwundert wie alt man doch aussehen kann in der Oberstufe.  Selbst Verleumdung trifft Adipositas, deren Kind “Überheblichkeit“, trifft mich wie ein Schlag in die Eier. Während ich meine Aggression runterschlucke, stehe ich an der Bushaltestelle und warte verkümmert auf den zuverlässigen ÖV mit 10 Minuten Verspätung. Ohne grössere Probleme schlage ich mir zwei Zähne aus auf dem Weg Richtung Sitzplatz, stütze zwei ältere Damen, die in ihrer vollkommenen Weisheit nicht den Stil besitzen, mit dem aufstehen zu warten bevor der Bus gänzlich anhält, man könnte ja den Anschluss zu den ewigen Jagd-gründen verpassen. Die beiden alten Damen unter dem Arm, droht mir eine davon mich wegen sexueller Belästigung anzuzeigen, während die andere wild mit den Armen fuchtelt und meint: “Ich auch!“ Beide setze ich ab, schaue Ihnen tief in die Augen und verkaufe beiden eine Verjüngungscreme als Entschuldigung, damit werden sie, mit an Wahnsinn grenzender Wahrscheinlichkeit, 110 Jahre alt. Steht auf der Packung. 
Meine Beine bewegen sich in Richtung Bahnhof, an einer Baustelle vorbei, welche seit Anbeginn der Zeit dort steht. Irgendeinen Sinn sollen unsere Steuern ja haben.  Ich kaufe mir eine Packung Zigaretten und werde von einer kleinen Gruppe Männer abgelenkt, die mir den Weg versperren. Sie stehen an der Ausgangstür und ich schnappe den Satz auf: » Was denkt sich dieser Pisser, er ist 23 Jahre alt, ich bin 42ig, meint er ernsthaft mir was beibringen zu können?!«, meint der freundliche Herr, während er versucht eine Tür aufzuziehen auf der “drücken“ steht.  Begeistert übernehme ich die Aufgabe des Türöffners und gehe sofort im grossen Trubel der Stadt unter. Langsam tuckert der Zug in den Bahnhof ein, während sich die gesamte Menschheit hinein zu drängen scheint, um sich dann möglichst weit voneinander entfernt einen Platz zu suchen.  Ich stehe, wie jeden Morgen, im Zug rum da ich ja für einen Sitzplatz bezahle.  Geschwängert durch die spannenden Themen der Klumpen Menschen um mich herum, sehe ich aus dem Fenster. Multifunktionale Kühe ziehen an mir vorbei, welche schlafen und gleichzeitig fressen. Der Zug wird plötzlich langsamer und ich sehe mich verblüfft um.  Keiner der degenerierten Gemüse-Menschen scheint es bemerkt zu haben. Weiterhin zeigt ihr Blick direkt auf den Blick oder das Telefon. Obwohl Telefon das falsche Wort ist, würde implizieren das jemand damit telefoniert, deshalb nennen wir es lieber Faceinstaon.  »Bitte bleiben Sie auf Ihren Plätzen und verlassen Sie den Zug nicht. Die Weiterfahrt verzögert sich.«, der Chauffeur spricht monoton, man kann es ihm nicht verübeln, wenn er erwachsenen Menschen, mitten in den Pampas, sagen muss sie sollen den Zug nicht plötzlich verlassen. Das bedeutet nämlich, dass so was schon mal vorkommt. Ich kriege
Kopfschmerzen beim Gedanken an die Leute hier und beschliesse, aus Trotz, den Zug zu verlassen.  Mitten in Nirgendwo, stehe ich neben dem Zug und bahne mir meinen Weg durch eine nahe gelegene Wiese.  Ein langes Stück Weg steht mir im Weg, dahinter sehe ich in der Ferne ein kleines Dorf.  Wie dem auch sei. Während des Marsches fließen meine Gedanken immer weiter weg und driften schlussendlich gänzlich ab.
 
 
[The Old]

 

Ich war am Ende. Meine Reserven lagen seit langer Zeit komplett brach. Ich befand mich an einem der drei Abgründe meines Lebens. Die Wände um mich herum lagen kalt und feucht neben mir, der ranzige Gestank von Desinfektionsmittel und Kotze machte sich breit. Drei Männer in Uniform waren nötig um mich “sicher“ in die Zelle zu begleiten, obwohl ich nicht die leisesten Anstalten machte, mich zu wehren. Eine Stimme in meinem Kopf sagte mir klar, dass ich dummer Wichser komplett am Arsch war. Eine zweite, lautere Stimme jedoch, fand das ganze ziemlich süffisant. Ich einigte mich mit Stimme zwei und ignorierte Stimme eins.  Die Stunden vergingen und ich überlegte, wie man jemanden für so eine Scheisse, so lange Festhalten konnte. Es gab eine Prügelei mit Sachschaden, das war alles. Die erste Nacht verging ohne grössere Probleme. Nach derer liessen sie mich wieder gehen.  Das ganze Theater für nichts und wieder nichts.  Wie dem auch sei. Mein Name ist übrigens Max, Max Mustermann. Ich weiss, in Englisch hört sich dieser Name viel toller an. Es ist nun mal wie es ist. Ich habe eine superschöne, nicht sonderlich intelligente Freundin, dafür umso
freundlicher. Eine kleine zwei Zimmer Wohnung, in einer Stadt ohne merkenswerte Namen. Schöne knarrende Bodenbeläge in der Küche, eine schimmelverzierte Dusche mit grossem Charme und einem Balkon auf dem genau ein Stuhl passt. Das geniale daran ist, dass ich diese Wohnung am Arsch der Welt für schlappe 2000 Kröten im Monat bewohnen darf. Wäre sie noch günstiger, ich hätte beinahe ein schlechtes Gewissen. Ich selbst bin ein durchschnittlicher Typ, mit durchschnittlichen Wünschen. Natürlich wäre der Porsche vor der Tür und Freunde, die meinen Namen nicht vergessen würden, eine gute Sache. Doch bleiben wir realistisch, einen 10 Jahre alten Corsa zu fahren und beim empfangen des Besuches ein Zettelchen auf der Stirn kleben zu haben mit meinem Namen hat definitiv auch seinen Reiz.  Ich setzte meinen unbekümmerten, steinigen Weg fort und bog in eine kleine Sackgasse am Ende einer Strasse ein. Meine Strasse. Es war 10:30Uhr, um diese Zeit sollte meine Freundin Zuhause sein. Wir wohnten zusammen und es lief hervorglänzend. Sie musste nicht ins Büro da sie einen hochstehenden Beruf ausübte. Mit ihrem Handy. Ich hatte sie damals, als ich sie kennenlernte, kurz darüber ausgefragt, erlag jedoch einem kleinen Schlaganfall in der Mitte der Erzählung. Aber irgendwas mit Fotos, ganz klar.  Die Stufen waren schnell erklommen, da wir in der untersten Etage wohnten, gleich neben dem Keller. Ich sagte euch ja, ich habe Glück mit den 2000. Ich schloss die Tür auf und sah ihre Schuhe im Gang stehen. Bedeutete sie sollte zu Hause sein. Ich rief nach ihr, konnte aber keine Antwort erkennen. Wir überhörten uns oft, konnte man ja verstehen in einer 50 Quadratmeter Wohnung.  Meine Jacke hängte ich an einen lotterigen Hacken im Gang und bewegte mich ins Schlafzimmer. Ich öffnete die Tür einen Spalt weit und blickte hinein. Ich wollte sie gerade wieder
schliessen, da musste ich einfach nochmals einen Blick riskieren. Man sieht ja nicht jeden Tag wie seine Freundin vor einem glatzköpfigen Typen auf den Knien liegt. Mein Magen erinnerte mich daran was zu essen, also schloss ich die Tür endgültig und verliess das Haus. Ist ja kein sonderliches Ding, immerhin dürfen wir die Wohnung in 4 Jahren verlassen, bezüglich Kündigungsfrist. Das passt schon. Ist in Ordnung. Auf einen Schlag hatte ich endlich mehr Zeit mich um andere Dinge zu kümmern. Ich sollte endlich mit meinem Hund Gassi gehen, welcher mir schon vor 6 Monaten weglief.  Ich stand also vor dem Haus, blickte kurz nach links und rechts, dachte an den kleinen Imbiss von neben an und zückte die Autoschlüssel.  An der Windschutzscheibe klebten zwei Parkbussen. Ich liess den Wagen stehen und ging zu Fuss an einen Kiosk um mir statt Essen ein Bier zu kaufen. Der Verkäufer blickte müde aus der Wäsche, verständlich bei 3400 Netto. Der erste Schluck floss meine Kehle hinunter und beim zweiten bemerkte ich den fehlenden Alkohol. Ich sah mir die Dose genauer an, alkoholfrei. Was ein toller Tag. Ich stand auf, watete durch ein kleines Blumenfeld und trat zwei Fahrräder um, welche mit dem Schriftzug „Be yourself“, verschönert am Rand standen. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Metamorphose
 
Keine hundert Meter trennen mich von dem kleinen Dorf. Ich blicke nach vorne und alles was ich sehe ist eine grosse, grüne Wiese. Am hintersten Ende des Weges ein paar Häuser, kann man aber so noch nicht einschätzen, zu weit entfernt sind sie. Nach gequälten, ungefähren 100 Metern, sehe ich ein Schild. Ein Schild mit der Aufschrift Why. Ich verstehe es nicht ganz, soll das bedeuten dieses Kaff da vorne trägt den Namen Why? Was soll der Scheiss? Ich schüttle den Kopf und laufe, zaghaft und ziemlich langsam, weiter. Es wird grösser. Das Dorf sieht beinahe riesig aus. Irgendetwas ist geschehen, als ich das sinnlos hässliche Schild passiert habe. Ein Gefühl, man könnte meinen Glück, macht sich in mir breit. Komischer Zustand. Ich denke nicht mehr daran und werde von ein paar Fahrradfahrern abgefangen.  »Sir, Sie stehen total im Weg.«, ein glatzköpfiger, um die 30 Jahre alter, Mann steht vor mir. Neben sich bleibt ebenfalls eine Dame, gleichen Alters, abrupt stehen.  Ich schaue ihn an, blicke kurz um mich, messe mit den Augen den ungefähr 5 Meter grossen Abstand zwischen ihnen und mir aus, und ziehe die linke Augenbraue hoch. »Was?« Er bleibt auf seinem Fahrrad und macht keine Anstalten, von seinem Weg abkommen zu wollen.  »Sie stehen in der Strasse Sir. Das sollten Sie nicht tun.«, er blickt seine Frau an und diese nickt in meine Richtung. Meine linke Augenbraue bleibt oben. »Aha. Gut zu wissen«, sage ich mit einem unverständlichen Grinsen und möchte meinen Weg fortsetzen.  Mr. kühle Platte sieht mich mit weit aufgerissenen Augen an und murmelt etwas Unverständliches.
Als ich 30 Meter weit entfernt von beiden bin, blicke ich kurz über meine Schulter. Beide stehen immer noch am gleichen Ort und sehen mir beim Spaziergang zu.  Interessant.
 
Den Blick abwendend, konzentriere ich mich ziemlich gelangweilt auf das Dorf. Es ist nicht mehr weit entfernt, ich kann die ersten Ziegel erahnen, ebenso die ersten Passanten. Hoffen wir mal, dass die nicht genauso sonderlich sind, schiesst es mir durch den Kopf.  Erst auf den letzten Metern fällt mir auf, dass der Eingang zum Dorf mit einem grossen Torbogen überzogen ist. An der Seite dieses Bogens zieht sich links und rechts eine lange Mauer aus Stein entlang. Sieht eigentlich ganz ordentlich aus.  Ich betrete den Torbogen und stehe ganz am Anfang des Kaffs. Die Strasse ist immer noch nichts weiter, als Sand und ein paar Steine. Einen Gehweg gibt es nicht, jedenfalls keinen den ich erkennen kann.  »Sir, ACHTUNG!«, brüllt es links hinter mir laut hervor und ich hechte mit einem Satz nach rechts.  »Scheisse nochmal, was soll das?!«, rufe ich aus und klopfe mir den Staub von der Hose. »Sie müssen sich auf den Linien bewegen!«, vernehme ich noch, als der Typ mit seinem Motorrad an mir vorbeifährt. »Linien?...«, genervt und schockiert blicke ich mich um. »Was für scheiss Linien?!« Eine Zigarette steckt in meinem Mund und ich zünde sie an.  Als ich gerade einen Buckel mache, um die Flamme vor dem Wind zu schützen, sehe ich sie am Boden. Linien. Ich blicke auf, nehme einen Zug. Auf der kompletten Strasse, ganze fünf Meter lang, sind Linien eingezeichnet. Ich stampfe mit dem Fuss auf eine dieser und bemerke, dass es sich nicht um Farbe oder dergleichen handelt.
Ich verstehe nicht genau aus was die Linien gemacht sind, sieht aus wie Luft mit Farbe, oder aber Laserlicht. Keine Ahnung.  Auf meinen Fusstritt kriege ich Antwort. An meinen Zehenspitzen, welche jetzt in den Sandschotter gedrückt sind, entsteht wie aus dem nichts das Wort: BAR.  »Bar, aha…«, ich kratze mir kurz den Schädel und trete auf eine ungefähr ein Meter entfernte, anders gefärbte Linie.  RATHAUS. »Super, eine Strasse für geistig Degenerierte.«, ich spicke meine Zigarette in hohem Bogen von mir weg und gehe zurück auf die Linie BAR.  Nach geschlagenen 10 Minuten stehe ich auch schon vor ihr. Eine kleine, wundervoll gestaltete, Kneipe. »Sehr schön, endlich was vernünftiges.« Meine Worte werden von jemandem mit einem Lachen quittiert.  Mit einem Stoss drücke ich die Tür auf und gehe rein.  Schummriges Licht, dennoch ziemlich hell, überall Pflanzen und an den Wänden dutzende von Postern mit unterschiedlichen Menschen und Marken darauf.  An der Theke begrüsst mich vom weiten eine wunderschöne Frau, Mitte 20ig geschätzt, riesiger Ausschnitt und strahlend weissen Zähnen. Geblendet setze ich mich kurz und bestelle ein Bier.  Ich schaue mich um.  Jeder der Gäste trägt einen nagelneuen Anzug, keiner von ihnen sieht glücklich aus. Sie lachen sich zu, stossen an, machen Witze. Doch ihre Augen verraten sogar einem blinden Pelikan das diese Fassade eben eine Fassade ist.  Das Bier lasse ich halb voll stehen und möchte gerade die Strasse betreten, da leuchten an der Tür wieder diese Linien auf. Noch bevor ich mich für den nächsten Stopp entscheide, zischen unzählige Leute an mir vorbei, den Blick starr gegen den Boden und die Linien gerichtet. 
Mein Blick bleibt auf der roten Linie hängen, mein Fuss tritt drauf und das Wort „Einkaufscenter“ blitzt auf. »Nein, komm schon…«, mein Gesicht verzieht sich gequält und ich trete auf die blaue Linie. „Shoppingcenter“ ergeben die Buchstaben. »Ähm, ne!«, hektisch stampfe ich auf alle unterschiedlichen Farben auf. „Mall“ „Accessoires“ „Einkauf“ „Shop“
 
»Fick dich doch!«, genervt verteile ich mit dem Fuss Sand über die gleisenden Lichter am Boden. Sie erscheinen sofort wieder und tragen die gleichen Namen. Ein wenig ängstlich durch die hunderten von Menschen, welche sich auf den Bahnen bewegen und mich überfahren könnten, beschliesse ich trotzdem, einfach ausserhalb der Linien zu gehen und mich im Dorf umzusehen.  Ich stehe auf dem Gehweg der anderen Seite der Strasse und blicke mich um. Die Überquerung der Strasse habe ich überlebt. Gut. Glücklich verzieht sich mein Gesicht zu einem Grinsen und ich führe meinen Weg ohne Ziel fort.  Nach den ersten paaren Metern werde ich von den vorbeiziehenden Menschen angestarrt. Sie lösen den Blick vom Boden und blicken zu mir. Langsam, aber konstant, bleiben sie alle an Ort und Stelle stehen, weiterhin den Blick unablässig auf mich gerichtet.  »Ja, Hi! Alles klar?«, hüstele ich in ihre Richtung und schwenke den Kopf von rechts nach links. Keiner sagt ein Wort. Ich winke kurz, aber auch dieser Versuch versagt kläglich.  »Naja, wir sehen uns!«, mit diesen Worten laufe ich weiter und ignoriere alles weitere. 
An jeder Ecke, an der ich vorbeigehe, bleiben die Menschen stehen und drehen sich zu mir hin. Leere Gesichter, ihr Ausdruck ähnlich dem von Gemüse.  Weiterhin ignoriere ich das Ganze. Sollen sie doch starren, wen interessierts?  Unzählige Geschäfte schwirren während meiner Wanderung an mir vorbei, jeder heller beleuchtet als der vorherige.  Scharniergeräusche reissen mich aus meinen Gedanken. Ich blicke nach oben und sehe Gesichter, welche aus den Fenstern nach unten starren. Immer mehr solcher Fenster gehen auf, ebenfalls auf der gegenüberliegenden Strassenseite.  Unwohl überkommt mich. Langsam sind es viele. Sehr viele. Sie versperren mehr und mehr den Weg und gehen nicht zur Seite, auch als ich mich an ihnen vorbeiwürge nicht.  Unter mir blitzt eine blaue Linie auf. Anders als vorhin, blinkt diese ziemlich penetrant. Ich komme ihrer bitte nach und stelle mich darauf. Innert einer Sekunde blicken alle Leute wieder auf den Boden, nehmen den Weg wieder auf und ich höre hunderte von Scharnieren, welche sich mit einem Klicken wieder schliessen.  Ich wage kaum zu denken und bleibe auf der blauen Linie. Sie führt mich durch die Stadt, dreht plötzlich um und auf ihr blinkt das Wort „Ausgang“.  »Was Ausgang? Ich will eigentlich noch nicht gehen, ist eine schräge Stadt, aber trotzdem!«, kommt es aus mir heraus.  Die Linie versteht mich natürlich nicht und blinkt weiter.  Hektisch sehe ich mich um. Knappe zehn Meter von meinem Standort entfernt ragt eine grosse Antenne in den Himmel. 
 
 
 
 
 
 
Ich hasse euch alle
 
Alle Farben der Strasse sammeln sich dort, ich sehe den halben Regenbogen im Sand, welcher sich dort speist.  Mit einem Satz hüpfe ich aus dem blauen Licht und renne so schnell ich kann zur Antenne.  Wieder bleibt alles stehen und liegen. Es kümmert mich nicht. Einen riesigen Hebel, am unteren Teil der eisernen Beine der Antenne, packe ich und ziehe mit ganzer Kraft dagegen.  Ein lautes Knall-Geräusch ertönt, die Antenne wird schlagartig dunkel, ebenfalls alle Geschäfte, alle Linien am Boden, alle Lichter.  Grobes Schnaufen begleitet meinen Zug an dem Hebel und ich bewege mich zurück zur Strasse und dem Gehweg.  Ein Gefühl der Genugtuung überkommt mich. Jeder Mann, jede Frau, jedes Kind auf den Gehwegen und der Strasse blickt sich verwirrt um, so als wäre er gerade aus einem langen Schlaf erwacht. Langsam schauen sie sich um, bemerken sich gegenseitig und beginnen, langsam und ängstlich, miteinander zu reden.  Weiter runtergehend, vernehme ich einzelne Satzfetzen. »W-was ist hier los?«  »Bin ich tot?« »Wieso bin ich hier?...«
 
Ich blicke einem älteren Herrn zu, welcher sich gerade in einem der hunderten Geschäften befindet und einen Wecker für 190 Dollar in der Hand hält. Er blickt die Packung an, kratzt sich langsam am Kopf und wirft es in die Ecke. Kopfschüttelnd betritt er die Strasse und stellt sich zu den anderen.  »Was ist los mit euch?! Tut nun alles was ihr wollt!«, brülle ich freudvoll in die bescheuerten Gesichter der versammelten Menschen. 
Zustimmendes Nicken und Pfeifen vernehme ich und setze meinen Weg fort. Meine Worte immer und immer wiederholend, renne ich durch die Strasse. Ein lauter Knall lässt mich abrupt anhalten und zur Seite blicken. Ich sehe einen leblosen Körper auf dem Gehweg liegen, oberhalb diesem ein offenes Fenster.  »Scheisse, was soll das?!«, sprachlos schlage ich mir mit der Hand ins Gesicht.  Die anderen nehmen davon keine Notiz. Ein Wagen mit viel zu hohem Tempo rast an mir vorbei und fährt direkt in eine Strassenlaterne. Weisser Rauch steigt sofort auf und der Kopf des Fahrers drückt auf die Hupe. Meine Hände wandern von meiner Stirn zum Mund und unterdrücken ein Lachen.  Noch ein Knall.  Und noch einer. Ein weiterer.  Im Sekundentakt erbebt der Boden unter meinen Füssen und mein Kopf schnellt von einer Katastrophe zur nächsten. Ich sehe an jeder Hausseite liegende, blutende und weinende Menschen.  »Hört auf damit, seid ihr bescheuert?!!«, brülle ich in voller Lautstärke und schwinge mit den Armen vor mir her.  Ein Blick auf den Boden bringt meine Gedanken sofort zur Lösung. Die Linien! Während ich gemütlich zurück zur Antenne gehe, knallt es weiterhin. Ich vernehme die Schreie, die unsagbar grässlichen Augenblicke und das Verstummen der sterbenden Leute.  Mit einer Mischung aus Ärgerniss und Belustigung reisse ich den Hebel zurück nach oben und sofort springen die Lichter wieder an. Ich blicke in die Gesichter der übrigen Menschen, komplette, wiederkehrende Leere. Innert ein paar Minuten nimmt alles wieder seinen Lauf.  Als wäre nie etwas passiert. 
Amüsiert und irgendwie traurig, trete ich auf die blaue Linie.
 
 
„Ausgang“
 
 
Ja, bitte schnell.